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| das.magazin | Ausgabe vom: 19. Juli 2002 |
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Viva AfroBrasil |
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![]() Bilder vom Freitagabend mit Cassandra Wilson. ![]() Bilder vom Samstagnachmittag. ![]() Bilder vom Samstagabend. ![]() Bilder vom Sonntag. Kostenloser Download |
Es darf auch mal Funk sein Beim Afro-Brasil-Festival machten O Rappa musikalisch das Rennen TÜBINGEN. Am frühen Mittag kam dann doch noch die Sonne. Veranstalter und Karteninhaber konnten aufatmen. Ein Afro-Brasil-Festival ohne entsprechende Temperaturen und ohne das entsprechende Licht wollte sich niemand vorstellen. Denn vor den Kassen an der Pforte des Wilhelmstiftes waren die Schlangen der Wartenden am Samstag und Sonntag lang gewesen, auch während der Konzerte standen viele an den Absperrungen, um zumindest einen akustischen Eindruck zu bekommen. Wer am Freitag bei dem Konzert von Cassandra Wilson gewesen war, wurde spätestens am Samstag Nachmittag mit den ersten Tönen von Banda Papa Léguas von der Überzeugung geheilt, dass diese Crossover-Kombination von Vokal-Jazz und brasilianischem Pop aus musikalischer Sicht irgendeinen Sinn mache. Welten liegen zwischen der bluesigen Kammermusik Wilsons und dem Stimmungs-Pop, den die Band aus Brasilien als erste Band am Samstag so überzeugend rüberbrachte. "Wir spielen, was Erfolg hat", sagte ein Musiker der Band bei einem Presse-Gespräch nach dem Auftritt, "damit möglichst viele zufrieden sind." Die Band um Sängerin Flaviana Fernandes und ihre zwei Co-Sängerinnen, die bereits zehn Alben aufgenommen haben, heizte als gut funktionierende Girl-Group aus Südamerika dem Publikum ein; wer aber, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, nicht nachvollziehen konnte, woher all diese Fröhlichkeit kommt, dem schien vieles, was die Band spielte - besonders die gnadenlos verpoppten Marley-Songs "Is this love" und "No woman, no cry" zu glatt und marktgängig zu sein.
Andere und härtere Akzente setzten O Rappa, eine Funk-Band aus Rio, die sich in erster Linie mit sozialen und politischen Themen auseinandersetzt und einen Teil ihrer Einnahmen aus Plattenverkäufen (ihre neueste CD hat bei uns noch keinen Vertrieb gefunden) an Hilfsprojekte weiterleitet. Diese guten Absichten setzt die 1993 gegründete Band um in eine Musik, die vom Klangbild her näher an der sozialen Realität ihres Herkunftslandes ist als das meiste, was beim Afro-Brasil-Festival sonst zu hören ist, nämlich Funk angelehnt an die frühen Red Hot Chili Peppers aber weit heftiger als die Nordamerikaner. Sänger Falcao, eine Mischung aus Shouter und Rapper, hatte eine wuchtige Band (inklusive DJ) um sich. Und sorgte auch für das erste und richtig gute Gitarrensolo des Festivals und zeigte mit ihrer Version von "Hey Joe", was man, nach Hendrix, an Gewalt aus dem Blues-Song herausholen und dabei dennoch kommerziell akzeptabel bleiben kann.Ihr eineinhalbstündiges Set geriet etwas zu lang, gegen Schluss hin zerfaserte die Dichte, die ihren Auftritt bis dahin so spannend gemacht hatte, als hätte die Band, die ja am Sonntag noch mal zu hören gewesen war, für den ersten Tag gleich zu viel gewollt. Auf jeden Fall haben sie erreicht, was Sänger als Ziel für ihren Tübinger Auftritt bezeichnet hatte: "Wir wollten zeigen, dass Brasilien mehr ist als nur Karneval, gute Laune und nackte Frauen." In genau diese Kerbe schlugen, als letzte Band am Samstag, Harmonia do Samba aus Bahia, und sie waren mit ihrem Samba-Pop ganz eindeutig die Publikumslieblinge. Besonders die ersten Reihen im Publikum waren ein Tollhaus bei der Show im Ricky-Martin-Stil, die Sänger Xandy ablieferte, zusammen mit der vierköpfigen Bläser-Sektion, die neben dem Spielen auch noch tanzte wie verrückt. Gegen Ende der Show waren dann auch, für wenige Minuten, zwei Frauen aus dem Publikum dabei, die zusammen mit Xandy vorführen durften, was ein richtiger Hüftschwung ist. Cello, Geige, Mandoline: Das sind nicht unbedingt Instrumente, die man beim Afrobrasil-Festival erwarten würde. Einer, der das alles locker zu einer Einheit zusammen geschweißt hat, ist Zeca Baleiro. Für jeden Song konnte er in eine andere Stil-Schublade greifen: Mal so knallend heavy, dass im Publikum sogar eine Luftgitarre ausgepackt wurde, mal mit der Akustik-Gitarre so folkig, dass man sich fast an einem Lagerfeuer wähnte. So bunt war auch die Optik: Ein Gitarrist, der locker auch bei den düsteren Gesellen von Slayer durchgehen könnte und eine Percussionistin mit Schlaginstrumenten, deren Namen zu schwierig sind, um sie aussprechen zu können. Den Abschluss am Sonntag besorgte Fernanda Abreu. Als Leder-Lady hatte sie nicht nur die Band und ihre exakt choreographierte Backgroundsängerin, sondern auch das extrem mitmachfreudige Publikum im Griff. Die Musik: funky - very funky. So funky, dass das Samba-Element manchmal nicht einmal mehr zu erahnen war. Weltfunk, wie er von jedem Kontinent dieser Erde stammen könnte. Und überreich mit musikalischen Zitaten gespickt: Willkommen in der Postmoderne. Gerne gesehen hätten viele Zuschauer das designierte Reggae-Element im diesjährigen Festival. Cidade Negra-Sänger Toni Garrida aber wurde krank, die Tour abgesagt und in Tübingen durch ein zweites Set von O Rappa ersetzt. Noch kurzfristiger wurde der traditionelle Farbtupfer, die Karnevalstruppe Maracatu Nacao Pernambuco aus dem Programm genommen - der ursprünglich schlechten Wetterprognosen wegen. Das Problem bleibt immer das gleiche: Den Anwohnern ist es zu laut, den Musiker zu leise und beim Ordnungsamt klingelt das Telefon, wenn der Soundcheck zu früh beginnt oder der letzte Ton zu spät verhallt. Lautstark waren vor allem O Rappa. So laut, dass manche Elternpaare ihren Nachwuchs zwecks Gehörschutz in den Vorräumen benachbarter Kreditanstalten in Sicherheit brachten. Etwas Verschworenes habe das Festivalpublikum, meinte Markus Gruetering, der aus Bochum fürs Festival an den Neckar gekommen ist. Und das meinte er neben seiner Hochachtung für die hochklassige Musik positiv. Sein zweiter Afrobrasil-Besuch hat ihn aber auch verärgert: "Man muss mehr machen, als zwei Tage lang nur Bands spielen zu lassen." Bei anderen Festivals gebe es während der Umbaupausen Conferenciers. "Hier fehlt das Innovative", beklagt er. Anders dagegen die 70-jährige Helga Weinbeere aus Freudenstadt. Sie werde tanzen, wenn man ihr den Platz dafür lasse, verkündete sie. |
Aus dem Archiv: Links zum Thema: Bericht: Stephan Turowski Bild(er): Hans Paysan Video(s): Erich Sommer das aktuelle magazin: Diesen Artikel pereMail versenden ![]() |
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